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"Ich baue Häuschen für Obdachlose"

10. Januar 2017 | Aktualisiert vor 5 Tagen
Little Home Koeln

335.000 Menschen in Deutschland haben keinen festen Wohnsitz. Viele von ihnen leben auf der Straße. Wie viele genau, das weiß keiner.

Der Fotograf Sven Lüdecke aus Köln baut seit September in seiner Freizeit kleine Wohnboxen für Obdachlose, hölzerne Mini-Unterkünfte auf Rollen. Der 39-Jährige ist überrascht - vom großen Effekt der winzigen Objekte. Und von der Kritik, die es an seiner Arbeit gibt.

Ich hatte nie was mit Obdachlosen zu tun, bis zum September.

Da kamen zwei Dinge zusammen: Ich habe da im Fernsehen eine Reportage gesehen über einen Amerikaner, der Schlafboxen für Obdachlose baut.

Und ein paar Tage später war ich am frühen Morgen am Kölner Hauptbahnhof, auf dem Weg zur Arbeit. Eine Frau wurde von der Security unsanft aus dem Bahnhof befördert. Weil sie nicht schnell genug war, hat man ihr Eigentum in den Müll geschmissen.

Ich habe sie auf einen Kaffee eingeladen und sie gefragt, warum sie nicht einfach in eine Notunterkunft geht - dazu gibt's die ja schließlich.

Warum gehen Sie nicht in eine Notunterkunft?


Sie hat mir erzählt, dass sich die Besucher da gegenseitig die Sachen klauen, sobald man mal kurz duschen geht; dass Leute mit Messern rumspielen. Es sind Betrunkene da und Leute auf kaltem Entzug. Dazu kommt, dass sie ihren Hund nicht in die Notunterkunft mitnehmen dürfen. Zeigen Sie mir mal einen Obdachlosen, der seinen Hund allein lässt. Lieber schläft er selber draußen.

Also habe ich mir überlegt, dass ich auch so ein Häuschen bauen könnte wie der Amerikaner. Ich wohne auf einem alten Bauernhof, Platz habe ich da.

So ein Häuschen hat eine Grundfläche von drei Europaletten, ist also 1,20 Meter breit und 2,40 Meter lang. Da kommen Rollen drunter, innen rein ein Regal und ein kleiner Tisch, da bleibt dann gerade noch Platz für eine Matratze.

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Ich habe selbst in so einer Box geschlafen


Ich habe selbst mal probiert, wie es ist, in so einer Box zu schlafen, bei 4 Grad Außentemperatur. Ich hatte zwei Grablichter brennen lassen, am Morgen hatte es immer noch 16 Grad drinnen. Die Häuschen sind wärmeisoliert, mit Dämmwolle und Styropor.

Mehr zum Thema: Wenn ihr einen Obdachlosen seht, solltet ihr diese Nummer anrufen

Im Herbst habe ich mein erstes Häuschen übergeben, an einen obdachlosen Mann.

Er hat mich lange umarmt und geweint. Gleichzeitig war er misstrauisch. Er hat mir den Schlüssel fast aus der Hand gerissen, hat sich eingeschlossen, kam nach einer Weile wieder raus, um zu fragen, ob das jetzt wirklich seins ist.

Er hat mich umarmt - und war misstrauisch


Damals dachte ich, wenn ich Lust habe, dann bau' ich halt noch ein zweites.

Die Sache ist völlig aus dem Ruder gelaufen. Jetzt ist schon das siebte in Arbeit.

Aber jede Wohnbox kostet 650 Euro. Ich hatte auch eine Spiegelreflex-Kamera gespart, das Geld ist dafür draufgegangen und seit dem Herbst auch die Hälfte meines Gehalts, trotz Spenden.

Und jeden Tag melden sich Leute bei mir und fragen, ob sie auch eines kriegen.



Ich gründe jetzt mit anderen den Verein Little Home Köln, allein schaffe ich das nicht mehr. Und ich habe zur Bedingung gemacht, dass jeder, der ein Häuschen will, daran und an anderen Boxen mitarbeiten muss, wegen der Wertschätzung. Für das nächste Bauwochenende haben sich zehn Helfer und bis zu 15 Obdachlose gemeldet.

Das Wesentliche ist das Gefühl, etwas wert zu sein


Das Wesentliche an der Sache sind aber nicht die Häuschen an sich, sondern das Gefühl, das die Obdachlosen damit vermittelt bekommen. Das Gefühl, etwas wert zu sein.

Ein Mann, der vorher roch wie zehn Männer, rasiert sich jetzt, wäscht seine Klamotten, hält seine Finger sauber, seit er das Häuschen hat.

Dazu kommt: Während des Baus sind sie vollwertige Mitglieder der Baugruppe. Wir kommen in Kontakt und trinken einen Kaffee zusammen. Auch gegessen wird an diesen Tagen gemeinsam.

Da sinkt dann auch die Hemmschwelle zu fragen, warum sie auf der Straße leben. Einer zum Beispiel war Musikprofessor und hat zu trinken angefangen, nachdem ihn seine Frau verlassen hat. Ein Fliesenleger hat sein Geld nicht bekommen, dann kam der Absturz.

Zwei meiner Schützlinge haben sehr gute Chancen, jetzt von der Straße wegzukommen. Einer hat diese Woche ein Vorstellungsgespräch bekommen, für einen Job als Hausmeistergehilfe.

Brücken zurück ins Leben


Keiner von uns sieht die Häuschen als langfristige Lösung, sie sind Brücken, zurück ins Leben.

Bei der Stadt Köln sehen das allerdings nicht alle so.

Was die Pressesprecherin dazu auf Medienanfragen sagt, klingt feindselig. Die Boxen seien unwürdig. Aber davon lasse ich mich nicht abhalten.

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Auch nicht von den vielen Vorschriften.

Bevor ich mit dem Bau der Boxen angefangen habe, hab ich mich erkundigt, beim Bauamt, mit den Leuten da komme ich ganz gut zurecht.

Da kam einiges an Vorschriften zusammen: Brandschutz, Wärmeisolierung, es müssen Toiletten und Duschen in der Nähe sein, die Häuschen dürfen nur auf Privatgrund stehen, es muss einen Fluchtweg geben. Natürlich halte ich mich daran.

Die OSB-Holzplatten bekommen einen speziellen Anstrich für den Brandschutz, und freiwillig packe ich auch noch einen Feuerlöscher, einen Erste-Hilfe-Kasten und einen Rauchmelder rein. Duschen bieten einige Einrichtungen für Obdachlose an, Privatleute stellen ihren Grund zur Verfügung, sponsern Dixi-Klos.

Im Frühling wird es hoffentlich ruhiger


Aber ehrlich: Ich mache drei Kreuze, wenn es dann Frühling wird und hoffentlich wieder ruhiger.

Ich bin ja schließlich in erster Linie Fotograf. Aber jetzt halt einer, der genauer hinschaut als vorher.

Der Text wurde von Susanne Klaiber aufgezeichnet. Fotos und Video: Little Home Köln.

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