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Ich empfinde unser ganzes System als würdelos

08. Januar 2017 | Aktualisiert 08. Januar 2017
dpa

Seit acht Jahren lebe ich von Hartz IV. Manchmal fühlt es sich wie ein offener Strafvollzug an. Jeden Euro, den ich ausgebe, muss ich nachweisen. Alles wird kontrolliert, denn mir wird eher misstraut als vertraut. Wenn ich zu einem Termin nicht erscheine, muss ich sofort mit Sanktionen rechnen.

Ich empfinde unser ganzes System als würdelos. Kleine werden noch kleiner gemacht. Mit Millionären und Steuerhinterziehern ist der Staat unglaublich großzügig. Aber bei mir schaut man, ob ich fünf Euro zu viel ausgegeben habe.

Von klein auf wurde ich darauf getrimmt, Leistung zu erbringen. Meine Eltern gaben mir stets das Gefühl, dass ich sonst nichts wert bin. Dieser Glaubenssatz war bis vor acht Jahren mein Lebensmotto.

Ich habe immer viel gearbeitet

Doch dann kam der Tag, an dem ich den Notschalter drücken musste. Ich stand kurz vor einem Burnout. Zudem machten mir meine starken Rückenschmerzen zu schaffen. Mir ging es richtig schlecht. Da fragte ich mich: Was willst du? Gesundheit oder Geld. Ich habe mich für ersteres entschieden.

Ein Jahr konnte ich aufgrund der gesundheitlichen Einschränkung überhaupt nicht arbeiten. Das war die härteste Zeit, weil ich mich so nutzlos fühlte. Dann begann ich einen Minijob beim betreuten Wohnen der Aidshilfe in München. Das mache ich jetzt seit sieben Jahren. Ich mag diese Arbeit sehr gern.

Meine Miete wird vom Jobcenter bezahlt. Am Ende bleiben mir 500 Euro zum leben. Davon muss ich Essen kaufen und alles was sonst so anfällt. Kino, Konzert, Ausflug - so etwas gönne ich mir nicht.

Stattdessen versuche ich so viel zu sparen wie möglich. Einen Notgroschen braucht ja jeder. Zum Beispiel ist gerade mein Herd kaputt gegangen. Ich hoffe, dass ich mir in ein paar Monaten einen neuen leisten kann. Bisher reichte es gerade so zum leben. Doch dann erhielt ich einen Brief vom Jobcenter.

Am 31. August wurde mir offenbart, dass mein Arbeitslosengeld komplett gestrichen wird. Von heute auf morgen. Ohne Vorankündigung. Es war ein großer Schock für mich, denn ich musste bald meine Miete zahlen. Und ich hatte kein Geld auf dem Konto.

Der Grund für den Abzug war eine fehlende Arbeitseinschätzung meines Arztes. Dieser sollte mir bescheinigen, wie viel ich aus gesundheitlichen Gesichtspunkten arbeiten darf. Doch da mein Arzt im Urlaub war, ging das nicht.

Drei Sanktionen in einer Woche

Dazu kam, dass ich gerade krank war. Ich hatte beim Jobcenter auch ein Attest vorgelegt. Doch genau in diesen zwei Wochen, in denen ich krank war, wurden mir zwei Termine von meinem Arbeitsvermittler gegeben, die ich natürlich nicht wahrnehmen konnte.

Ich fand heraus, dass das Jobcenter eine klassische Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vom Arzt nur nach Ermessen anerkennen muss. Der mir zugeteilte Sacharbeiter hat sich wohl dazu berufen gefühlt, dies nicht zu tun. Dadurch bekam ich zwei weitere Sanktionen. Innerhalb von einer Woche bekam ich also drei Sanktionen.

Ich klagte sofort beim Sozialgericht. Drei Wochen später konnte ich erst einmal aufatmen: Das Jobcenter hatte nicht richtig gehandelt und ich bekam mein Geld zurück. Der Fall war damit jedoch nicht abgeschlossen. Im November wurde mir mitgeteilt, dass mir ab Dezember für drei Monate 20 Prozent meiner Einkünfte gestrichen werden.

Dass ich jetzt weniger Geld habe, bedrückt mich gar nicht so sehr. Am schlimmsten finde ich, wie mit uns umgegangen wird. Das ist doch reine Schikane. Mir kommt es so vor, als ob die Arbeitsvermittler im Jobcenter dazu angehalten sind, Sanktionen durchzusetzen.

Der Umgang im Jobcenter ist anders geworden

Früher war das nicht so. Bisher konnte ich mit meinen Arbeitsvermittlern immer gut zusammenarbeiten. Doch seit knapp einem Jahr hat sich etwas geändert. Der Umgang ist anders. Manchmal habe ich das Gefühl, sie suchen nach der Nadel im Heuhaufen. Und wenn sie etwas gefunden haben, dann gibt es Abzüge.

Was mich auch wundert: Im August hatte ich zwei Termine hintereinander, genau zu der Zeit, in der ich krank war. Und seitdem gab es keine einzige Einladung seitens des Jobcenters. Ich frage mich, ob das Absicht ist.

Nachdem mir die 20 Prozent gekürzt wurden, erzählte mir ein Bekannter von der Initiative Sanktionsfrei. Das war meine Rettung. Schon innerhalb eines Tages haben sie sich bei mir gemeldet und übernehmen jetzt den Betrag, der mir fehlt.

Sanktionsfrei hat mir wieder Hoffnung gemacht. Hoffnung, dass es dort draußen doch noch Menschen gibt, die mir helfen und mich nicht als Mensch zweiter Klasse sehen.

Ein Hartz-IV-Empfänger wird von der Gesellschaft nicht als wertvolles Mitglied gesehen. Wir werden stigmatisiert. Doch hinter jedem Menschen steckt eine Geschichte. Es gibt einen Grund, warum wir arbeitslos geworden sind. Das sehen die meisten Leute aber nicht.

Und das absurde dabei ist: Ich bin ja gar nicht arbeitslos - ich habe einen Job. Doch ich bekomme mit der Arbeit, die ich mache, nicht genügend Geld, um zu leben. Ich wurde vom Staat zum Arbeitslosen gemacht, bin es aber nicht.

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Außerdem habe ich mich schon immer ehrenamtlich betätigt: Tafel, Schülernachhilfe, Behindertenarbeit usw. Und was macht der reiche Schmarotzer mit seinem dicken Mercedes? Er lässt sein Geld für sich arbeiten und leistet nichts für unsere Gesellschaft. Das wird dann bewundert und wir werden verachtet.

Ich wünsche mir, dass der Staat und die Gesellschaft den Menschen das Gefühl geben, wichtig zu sein. Wir haben alle Wertschätzung verdient. Mit Arbeitslosengeld und Sanktionen fühlt man sich jedenfalls nicht wertgeschätzt. Stattdessen sollte es ein bedingungsloses Grundeinkommen geben. Vielleicht gibt es dann nicht mehr Menschen erster und zweiter Klasse. Sondern eine Gemeinschaft.

Der Text wurde von Katharina Pichler aufgezeichnet.

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